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Neue Bücher

Bestellnummer: 3-8353-0102-0
Erschienen bei: Wallstein
Preis: 24,00 €

Vorgestellt von Matthias Richter

Sendetermin: 12. Januar 2007, 12.30 Uhr

"Ihre Erzählung ist außergewöhnlich fesselnd, und ich konnte nicht eine Zeile überspringen", lobte André Gide, als er 1932 den ersten Roman des damals 29-jährigen Joseph Breitbach las: "Die Wandlung der Susanne Dasseldorf". Jetzt wurde dieses fulminante Zeit-, Charakter- und Sittengemälde endlich wieder neu aufgelegt.

"Man schrieb den 12. Dezember 1918. Der Haupttrupp der nach dem Waffenstillstand von Compiègne für Koblenz bestimmten amerikanischen Besatzungsarmee rückte in die Stadt ein. ,Nun haben wir vier Jahre immer gesiegt, und jetzt kommt die fremde Besatzung', sagte Susanne. Niemand antwortete ihr. Susanne beherrschte die Familie. Sie war klug, klug und oft sehr anmaßend. In der Fabrik war sie die beiden letzten Jahre vor dem Krieg die rechte Hand ihres Vaters gewesen."

In dieser Passage vom Anfang des Romans ist bereits alles enthalten. Seine Heldin ist die schöne, tatkräftige, unabhängige, willensstarke, gescheite, mutige Susanne Dasseldorf. Nicht nur gelingt es ihr, die Produktion der väterlichen Fabrik von Uniformzubehör auf Seife umzustellen. 500 Seiten lang macht sie auch sonst, was sie will. Sie widersteht dem Werben des amerikanischen Besatzungsoffiziers Cather, bis sich ihr eherner Patriotismus und ihre Vorstellungen von sexueller Unabhängigkeit so weit gewandelt haben, dass sie einsieht: Eine Verbindung mit dem Amerikaner wäre doch so übel nicht. Eingebettet ist diese éducation sentimentale in das breite Panorama der Turbulenzen unmittelbar nach Ende des Ersten Weltkriegs, wie sie der junge Autor in seiner Heimatstadt Koblenz selbst miterlebt hat.

Das politische Hin und Her

Mit großem Scharfblick und einem gestalterischem Können, das er dem europäischen Gesellschaftsroman des 19. Jahrhunderts abgesehen hat, stellt Breitbach das politische Hin und Her dar: die Orientierungslosigkeit der entmachteten deutschen Obrigkeit, die unverhohlenen Versuche Frankreichs, seine Grenzen nach Westen zu verschieben, das klug mäßigende Verhalten der Amerikaner.

Verwoben mit diesem Zeitbild ist ein funkelndes Sittengemälde: Es geht drunter und drüber in der Stadt am Mittelrhein. Hier die hungrigen Deutschen, dort die satten und abenteuerlustigen amerikanischen Soldaten: Sitte und Anstand geraten ins Rutschen; jeder holt sich, was er kriegen kann - auch der Gärtnersohn Peter Hecker, ein Bild von einem Mann, den auch die Fabrikantentochter Susanne Dasseldorf begehrt. Das aber endet schlimm. Denn Peter ist schwul, und da nutzt es auch nichts, dass sich Susanne ihm völlig nackt präsentiert:

"Niemand hörte die zwei Worte, die sie hundertmal am Tag vor sich hinsprach: ‚Ach so’. Ach so! Das hatte dieser Mensch gesagt. Ach so! Ach so! Es ging ihr nicht aus dem Kopf. Das war ihre Schande, ihre Niederlage. ‚Ach so!’ hatte er gesagt, und sie? Sie hatte ihn dann doch an sich gerissen, und er hatte es gewagt, sich ihr zu verweigern."

Zeit, Politik und Sitten

Joseph Breitbach war ein unabhängiger kritischer Geist. Mit funkelnder Ironie und völlig unsentimental, mit hohem erzählerischen Tempo und ohne Furcht vor der effektvollen Zuspitzung schildert er Zeit, Politik und Sitten mit einem Esprit, der diesen Roman auch heute noch lesenswert macht.

Dazu gibt es ein ungemein informatives Begleitbuch. Alexandra Plettenberg und Breitbachs langjähriger Sekretär Wolfgang Mettmann stellen da nicht nur alle zeitgeschichtlichen Hinweise bereit, sondern drucken erstmals eine Vielzahl von Briefen des jungen Autors ab. Sie machen deutlich, wie sehr die erfrischend kecke Darstellung der erotischen Verstrickungen auch in Breitbachs eigener sexueller Orientierung begründet ist:

"Die Kleidung tut es nicht, Alexander, meine Jugend ist vorbei, ich kenne das Leben, bis auf die Frauen, jetzt steht ich gereifter da, und ich fühle mich verpflichtet, eine Art Verteidigung unserer Knaben und unserer Zeit zu schreiben."


Die Herausgeber danken dem NDR und Matthias Richter für die freundliche Genehmigung, diese Besprechung hier vorzustellen. Das Copyright liegt bei dem NDR und Matthias Richter.