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EURBAG Magazine N°13,
Bücher und Kulturnachrichten

Joseph Breitbach:
"Die Wandlung der Susanne Dasseldorf",
520 Seiten. (1. Band)


Ich muss das Buch schreiben. Briefe und Dokumente zu Joseph Breitbachs Roman "Die Wandlung der Susanne Dasseldorf", 450 Seiten. (2. Band).

Beide Bände herausgegeben von Alexandra Plettenberg-Serban und Wolfgang Mettmann. Wallstein Verlag, Göttingen 2006, 39,00 €.

Joseph Breitbachs erster Roman die "Wandlung der Susanne Dasseldorf" erschien im November 1932 und war im Mai 1933 unter den Büchern, die von den Nazis verbrannt worden sind. Trotzdem wurden über 8000 Exemplare verkauft – damals eine stolze Zahl. Der Roman spielt direkt nach dem 1. Weltkrieg, seine Handlung setzt ein mit dem Einmarsch der US-Truppen in Koblenz Mitte Dezember 1918. Die Garnison- und Kaiserstadt Koblenz, die den Krieg nur als Hinterland erlebte, wird nun Schauplatz der US-Besatzung. Einquartierungen erzwingen hautnahe Kontakte von Freund und Feind, erlauben aber nur den Wohlhabenden, wie der Fabrikantentochter Susanne Dasseldorf, sich politische Empörung zu leisten. Bei Heckers, der Gärtnerfamilie im Hinterhof, gedeiht die streng verbotene Fraternisierung vom ersten Moment an. Die Figur des Schlosserlehrlings Peter, eines der fünf gut aussehenden Kinder der Heckers, ist eine faszinierende Zeitgestalt, ein Kriegskind. Kein verschlagener Bösewicht, sondern ein gewitzter, neugieriger, kräftiger rheinischer Bursche, der natürlich, naiv, fast animalisch und bedenkenlos in Chaos und Not der Kriegsjahre herangewachsen war. Als die Einquartierung ins Haus kommt, steuert er mühelos die heiß begehrten Lebensmittel und die Gunst der Besatzer in Richtung der eigenen Familie. Das für ihn unerwartete sexuelle Begehren der geschäftstüchtigen und emanzipierten Tochter seines Chefs, Susanne, einer modernen Frauenfigur, wie auch jenes des eitlen Familiensekretärs Schnath und die Gunst des Besetzers, US-Majors Cather, ermöglichen Peter seinen erstaunlichen Aufstieg zum Boxchampion. Peter gibt sich den fremden Begierden hin. Nie erfahren wir eine Präferenz oder ein Gefühl von ihm, nur bei den Frauen ziert er sich. Für die 1935 bei Gallimard erschienene französische Ausgabe hatte Breitbach den Titel in "Rival et Rivale" verändert.

In dem ebenso spannenden und überaus informativen Materialienband zum Roman – eine editorische Neuerung der beiden Herausgeber Alexandra Plettenberg-Serban und dem ehemaligen Mitarbeiter Joseph Breitbachs Wolfgang Mettmann – werden neu aufgefundene Jugendbriefe Breitbachs an einen Freund, den Maler Alexander Mohr, vorgestellt, die die Entstehung des Romans begleiten und seine Motive erklären. Hier erfahren wir, dass es dem Autor um die Gestaltung eben jenes Peter ging, den Prototyp der Knaben, die sich dem sexuellen Begehren von Soldaten und Männern hingeben, meist aus sozialer Not, wie man sie z.B. im Berlin der Zwischenkriegszeit auf den Straßen finden konnte. "Ich muss das Buch schreiben", heißt der Titel des Materialienbandes, ein Zitat aus den Briefen, und Breitbach fährt fort "um diese Knaben zu verteidigen". Bisher sind aus Breitbachs Leben kaum Einzelheiten bekannt. Er selbst hat mit großem Geschick seine Spuren verwischt. Hier liegen zum ersten Mal unveröffentlichte, authentische Dokumente vor, hier erfahren wir, dass Peter Hecker starke, autobiographische Züge trägt. Das gilt auch für Susanne und vor allem für Schnath. In den Briefen findet der Leser einen jungen, von Literatur und moderner Malerei besessenen Schriftsteller, der sich jedes Buch und jedes Bild kauft, auch wenn er sich dafür hoch verschuldet. Schon seit 1924 mit der Nouvelle Revue Française verbunden, führt der Autor den Leser durch die literarischen und politischen Zentren Europas, Paris, Prag und Berlin. Ein Kommentar zu den Briefen und zur Entstehung des Romans sowie eine Darstellung der Zeitgeschichte im Spannungsfeld Frankreich, Deutschland und den USA beleuchten den politischen Hintergrund des Romans. Fotos, mit Textstellen aus dem Roman unterlegt, zeigen, wie sehr Breitbach sich an die historische Wahrheit gehalten hat. Die Fotos stammen zum großen Teil aus US-Militärarchiven und sind noch nie in Deutschland veröffentlicht worden – Deutsche durften damals nicht fotografieren. Breitbach erweist sich als politischer Beobachter, dem nichts entgeht. Eine Zeitchronik hilft dem Leser, sich die dichten historischen Ereignisse des Romans zwischen Ende 1918 und Herbst 1919 ins Gedächtnis zu rufen und den Roman mit der Realität in Deutschland und Koblenz zu vergleichen.

Der Roman ist der erste Band der neu erscheinenden Werkausgabe eines zu Unrecht vergessenen Autors, der zu den großen Erzählern des 20. Jahrhunderts gehört. Die Unmittelbarkeit der Sprache und die ungewöhnlich scharfe und konturenreiche, aber auch humorvolle psychologische Beobachtungsgabe, schaffen Gestalten, die echt sind. Schon 1929 schrieb Breitbach, es sei sein erklärtes Ziel zu entlarven, jeder Erscheinung den Mantel wegzureißen.

"Ihre Erzählung ist außergewöhnlich fesselnd, ich konnte nicht eine Zeile überspringen", schrieb 1932 einer seiner ersten Leser, André Gide.

Die beiden ersten, aus dem Deutschen übersetzten Romane, die im Frühjahr 1945 in Frankreich veröffentlicht worden sind, waren Thomas Manns "Lotte in Weimar" und Breitbach "Die Wandlung der Susanne Dasseldorf". Ein großartiger Zeitroman.

Jacques Schmitt

Joseph Breitbach-Preis 2006.
Peter Hamm. Laudatio, "Reich beschädigt" oder "Im Glorienschein der Armut".
Wulf Kirsten. "Dankrede - Geschichtsbefrachtete Wechselbäder".
Wolf Lepenies, "Festrede. Deutsch-französische Kulturkriege – Eine Erinnerung".
Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz – Stiftung Joseph Breitbach. ISBN 978 -3-9807335-7-1.


Der Preis der Akademie Joseph Breitbach wurde im letzten September in Koblenz Wulf Kirsten für sein gesamtes Werk verliehen. Die Jury zeichnete damit einen Lyriker aus, der der Naturdichtung eine völlig neue Stimme gegeben hat und gleichwohl in der Tradition von Peter Huchel und Johannes Bobrowski steht. Vor allem, wurde betont, verdanken seine Gedicht - aber auch seine Prosabände ihre Faszination der Legierung von Landschaft und Historie, die in den Boden eingedrückt ist wie die Spur von Wagenrädern und Pflugscharen. Es lohnt sich wirklich diese Texte zu lesen, die zeigen, dass es in Deutschland noch eine gute Literatur gibt, die sich nicht mit Spielereien von Sätzen und Wörtern wie etwa der Maler der nur Farbflecken auf eine Leinwand streut, sondern dem Gesagten, Geschriebenen einen sozialen und humanen Inhalt gibt, der hie und da die Urstrukturen der "conditio humana" erreicht. Einen herzlichen Dank der Akademie und Dank vor allem Wolfgang Mettmann, der Breitbach einige Jahre begleitet und sein Testament vollstreckt hat! Kurz vor seinem Ableben traf ich Breitbach und Mettmann in Bonn. Der Schriftsteller, der wusste, dass er nicht mehr lange zu leben hatte, was ich meinerseits nicht ahnte, gab mir zwei Ratschläge: "Jeder von uns muss ein Krokodil haben", sagte er etwas geheimnisvoll. Und: "Wenn Sie Geld verdienen wollen, machen Sie keine Literatur. Stellen Sie lieber Hosenknöpfe oder Konservendosen her". Ich bin leider diesen beiden Ratschlägen nicht gefolgt.


Die Herausgeber danken dem EURBAG Magazine N°13 und Jacques Schmitt für die freundliche Genehmigung, diese Besprechung hier vorzustellen. Das Copyright liegt bei dem EURBAG Magazine N°13 und Jacques Schmitt.